TV-Standards gibt es viele. In Europa haben sich DVB-T2 für Terrestrik, DVB-S2 für Satellit und DVB-C für Kabel durchgesetzt. Für den Übertragungsweg Internet gab es aber bislang keinen richtigen Standard. DVB-IPI existiert zwar schon seit 2001, für den TV-Empfang über das Internet fehlte aber bislang eine breit etablierte, herstellerübergreifende Lösung, die lineares Fernsehen ähnlich einfach zugänglich macht wie Satellit, Kabel oder Antenne. Jetzt startet man mit DVB-I einen neuen Anlauf, bei dem alte Fehler vermieden werden.
Unabhängig von IP-TV-Anbietern
Anders als DVB-IPI soll DVB-I eine Empfangsmöglichkeit sein, die aus der Sicht der Nutzer gedacht und an bisherige lineare TV-Standards angelehnt ist. Die Ziele sind ambitioniert: DVB-I soll neben den anfangs erwähnten Standards nativ (also ohne Apps) auf TV-Geräten verfügbar sein. Das bedeutet auch: Ohne Abo und ohne sich einem bestimmten Anbieter ausliefern zu müssen. Zudem soll es für jedes Land eine zentrale Senderliste geben (regionale Unterschiede sind möglich. Sendersuchläufe gehören damit der Vergangenheit an. Auch Sender-Dubletten sind mit der DVB-I-Liste kein Problem mehr.
Redundanz beim Fernsehen
DVB-I liefert auch ein interessantes Feature, das wir bisher noch nicht kannten: Automatische Redundanz beim TV-Empfang. Im Klartext bedeutet das, dass ein direkter Wechsel auf einen anderen Signalweg erfolgt, wenn der Empfang unterbrochen ist. Und das über verschiedene Standards hinweg. Fällt das Internet bei DVB-I aus, wechselt es z.B. einfach nahtlos zu DVB-S2. Vorausgesetzt, das TV-Gerät wird auch redundant versorgt.
Wenn also beim Fußball gerade der spannendste Elfmeter des Jahres bevorsteht, kann DVB-I der Retter sein, wenn ein Empfangsweg, z.B. durch schlechtes Wetter oder Server-Überlastung, wegbricht.
DVB-I in manchen Ländern vielleicht bald alternativlos?
Die Nutzung von linearem Fernsehen geht weltweit zurück. Da wird sich so mancher fragen, ob ein neuer Standard wirklich noch sinnvoll ist. Doch die Antwort ist: Genau deshalb ist er sinnvoll. Durch die zurückgehende Nutzung werden traditionelle Übertragungswege unrentabler. Für die Satellitenübertragung müssen beispielsweise alle paar Jahrzehnte sehr teure Satelliten ins All geschossen werden. In Großbritannien werden diese TV-Satelliten bald das Ende ihrer Lebensdauer erreichen und Nachfolger sind aus Kostengründen nicht geplant. Gleichzeitig steht aber auch die terrestrische Ausstrahlung auf dem Prüfstand und könnte beendet werden. Die Schweiz ist diesen Schritt sogar schon gegangen. Selbst DVB-C über Kabel wird ein Ablaufdatum haben. Die Provider möchten die TV-Kapazitäten für zusätzliche Internetbandbreite nutzen. So wurden beispielsweise beim deutschen Kabel-TV-Anbieter Vodafone Anfang des Jahres die Sky-Programme aus dem DVB-C-Angebot entfernt.
Als Alternative bleiben nur Streaming-Apps, bei denen sich Nutzer mit ihren Daten registrieren müssen und nur selten alle gewünschten Angebote gebündelt bekommen. Ein Zustand der weder für die TV-Stationen, noch für die Nutzer dauerhaft zufriedenstellend sein kann. DVB-I soll daher als neutrale Plattform Abhilfe schaffen.
Erfolg noch offen
DVB-I wurde erstmals Ende 2019 beim DVB-Konsortium eingereicht. Die Abstimmung zwischen den Stakeholdern und die Tests haben ca. 5 Jahre in Anspruch genommen. An vorderster Front sind die Niederlande, Italien und Neuseeland dabei. Auch Deutschland und Frankreich sind schon weit. In Irland, Spanien und Australien gibt es ebenfalls DVB-I-Projekte.
Und Österreich? Hier ist es noch sehr still um den neuen Standard. Sich einfach an Deutschland dranzuhängen wird nicht möglich sein. Nicht nur aufgrund der zentralen Senderliste, sondern auch aufgrund von Geoblocking, das bei DVB-I ein gewichtiger Nachteil ist. So werden beispielsweise ARD und ZDF über DVB-I in Österreich nicht empfangbar sein. Durch die vorhin beschriebene Redundanz könnte der Nachteil aber vernachlässigbar sein.
Ob DVB-I ein Erfolg wird, ist noch völlig offen. Alles steht und fällt mit den Herstellern von TV-Geräten. Sie müssen den Standard implementieren und einfach benutzbar machen. Ob Hersteller wie Samsung, die bereits eigene Streaming-Möglichkeiten implementiert haben, DVB-I als Konkurrenz oder Bereicherung ansehen, wird sich zeigen.
Eines ist klar: Der neue Standard kommt reichlich spät und wäre, vom Timing her, vor 10 Jahren wesentlich einfacher zu etablieren gewesen als heute. Aus Sicht der Verbraucher kann man nur das Beste hoffen, denn lineares Fernsehen wird uns noch eine Zeit lang erhalten bleiben.


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