DAB+ – Das neue, alte Radio, das niemand will

Können Sie sich noch an Digitalisierung des TV-Signals erinnern? Damals wurden alle terrestrischen (über normale Antenne empfangbaren) Sender auf DVB-T-Technik umgestellt. Alle TV-Konsumenten mussten sich entweder einen DVB-T-Receiver, oder (wenn sie kein zusätzliches Gerät wollten) einen neuen Fernseher kaufen. Das gleiche passierte ein paar Jahre später auch beim Satellitenempfang (DVB-S) und noch ein paar Jahre später im Kabelnetz (DVB-C). Mit der Einführung von DVB-T2 und DVB-S2 dann, zum Ärger vieler, sogar noch ein zweites Mal. Was viele nicht wissen: Schon lange ist auch beim Radio eine solche Digitalisierung geplant bzw. in Umsetzung.

Alles von der Industrie gesteuert?

Viele denken zuerst an die Industrie. Denn sie verkauft durch die Digitalisierung massenhaft neue Unterhaltungselektronik. Doch es geht um viel mehr. Digitale Kanäle benötigen viel weniger Bandbreite. Auf den gleichen Frequenzen können also mehr Programme übertragen werden. Dadurch werden Frequenzen frei, die andere nutzen wollen. In erster Linie Mobilfunkanbieter. Dazu kommt, dass der Betrieb von digitalen Sendern günstiger ist. Die alte, analoge Signalverbreitung hat einen deutlich höheren Energieverbrauch. Und man hat sich auch auf EU-Ebene darauf geeinigt, langfristig den Rundfunk digital zu verbreiten. (Wobei die Zielsetzungen bis jetzt in den meisten Ländern nicht eingehalten wurde)

Was bringt es dem Verbraucher?

Digitale Signale haben einen großen Vorteil: Es gibt keine Störungen in Form von Rauschen mehr. Das bringt uns aber auch zum größten Nachteil: Da wo man bisher noch verrauscht Radio hören könnte, geht zukünftig vielleicht gar nichts mehr. Das Signal muss einen bestimmten Pegel erreichen, damit etwas aus dem Lautsprecher zu hören ist.

Ein weiterer Vorteil ist die höhere Programmvielfalt, die sich durch die Digitalisierung ergibt.

Doch für viele sind das nicht genug Vorteile, um sämtliche Radiogeräte die man besitzt auf den Müll zu werfen und neu zu kaufen. Genau das wird bei einer Umstellung nämlich notwendig. Im TV-Bereich war das kein großes Problem, da man die alten Fernsehgeräte mit DVB-T-Receivern nachrüsten konnte. Bei Radiogeräten ist das in den allermeisten Fällen nicht möglich. DAB+, so heißt die digitale Radiotechnik, passt also nicht sehr gut zum modernen Nachhaltigkeitsgedanken.

Hat das gute alte UKW-Radio bald ausgedient?

DAB+ hat aus einem bestimmten Grund ein Plus in seinem Namen. Es existiert bereits seit Ende der 1980er ein Vorgängerstandard namens DAB (Digital Audio Broadcasting). Daran kann man sehen, wie lange schon versucht wird, die UKW-Technik abzulösen. Gelungen ist es bisher nicht. Auch nicht in den Ländern, in denen alle Radioprogramme längst parallel ausgestrahlt werden (z.B. Großbritannien und Deutschland). Die Akzeptanz hält sich in Grenzen. Lediglich Norwegen hat die Umstellung zu 100% vollzogen. Das war nur möglich, weil die Politik die alten UKW-Sender abgeschaltet hat. Diesen radikalen Weg möchte man bei uns nicht gehen. Eine lange Übergangsfrist ist geplant.

Österreich gehört zu den Nachzüglern

Österreich ist bei der Umsetzung von digitalem Radio besonders langsam unterwegs. Erst seit einigen Jahren arbeitet man daran, ein flächendeckendes Sendernetz aufzubauen. Doch viele Radiostationen haben Angst, dass sie bei der Umstellung auf DAB+ Hörer verlieren könnten. Das größere Programmangebot beschert ihnen mehr Konkurrenz. Außerdem werden alle Programme annähernd gleich gut zu empfangen sein. Besonders besorgt, ist diesbezüglich der ORF. Er hat angekündigt, seine Programme auf DAB+ nicht ausstrahlen zu wollen, wenn er nicht zusätzliche Radioprogramme betreiben darf. Seine momentan starken und vielen Frequenzen bescheren ihm über UKW einen Wettbewerbsvorteil gegenüber den erst später hinzugekommenen Privatradios.

Ist DAB+ eine Todgeburt?

Tatsächlich entsteht, oberflächlich betrachtet, der Eindruck, dass aus der Radiodigitalisierung nichts wird. Außerdem hat sich mittlerweile auch Online-Radio weitestgehend durchgesetzt. Es stellt sich daher tatsächlich die Frage, ob DAB+ überhaupt noch benötigt wird. Als man in der Schweiz auf DVB-T umgestellt hat, sind so viele TV-Zuschauer abgesprungen, dass man es Jahre später schließlich eingestellt hat. Auch in Österreich nutzen nur noch sehr wenige Menschen DVB-T. Könnte mit DAB+ das gleiche passieren?

Möglich ist es. Und zwar, wenn sich Internetradiogeräte noch stärker verbreiten. Vor allem auch in PKWs. Rundfunk hat aber gegenüber dem Internet einen Vorteil: Er ist wesentlich robuster, was den Empfang angeht und die Geräte können günstiger produziert werden. Auch eine SIM-Karte ist nicht notwendig.

Momentan sieht es danach auch, dass sich DAB+ langfristig tatsächlich durchsetzen könnte. Immer mehr Empfangsgeräte sind im Handel zu finden und die Autohersteller sind mittlerweile verpflichtet DAB+-Empfangsgeräte zu verbauen. Da momentan der ORF, und auch viele Privatsender, noch nicht über DAB+ zu empfangen sind, ist das Programmangebot in weiten Teilen Österreichs noch nicht sehr attraktiv. Das könnte sich aber mit zunehmender Verbreitung schnell ändern. Anders als früher, gibt es jetzt seitens der Politik einen höheren Druck.

Wo kann man DAB+ empfangen?

Auf dabplus.at/empfang gibt es eine Karte, auf der der aktuelle Ausbaustand zu sehen ist. Alle Ballungszentren und weite Teile Ostösterreichs sind bereits versorgt. Zudem strahlen auch aus dem benachbarten Ausland Programme rein. (Insbesondere aus Deutschland, Südtirol und der Schweiz).

Es bleibt abzuwarten, wie sich DAB+ in den nächsten 10 – 15 Jahren entwickelt. Manchmal dauern Dinge einfach ein bisschen länger.

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